Im Gespräch mit Herrn Jürgen Tautz, Geschäftsführer des Kreisverbands Chemnitz und Umgebung der Arbeiterwohlfahrt (kurz: „AWO“).

Die Arbeiterwohlfahrt in Chemnitz hat ihre Wurzeln in der Weimarer Republik – und doch ist der Verband erst 30 Jahre alt. Nach dem Verbot der „AWO“ durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 durfte sich auch in der DDR der sozialdemokratische Wohlfahrtsverband nicht neu formieren. Die Wende brachte deshalb auch einen Neustart in Chemnitz für den hiesigen Kreisverband. Heute beschäftigt dieser rund 800 Festangestellte und freut sich über das Engagement von bis zu 300 ehrenamtlich Tätigen. Das Angebot der Arbeiterwohlfahrt reicht in Chemnitz von Kitas über Pflegeheime, vom Betreuten Wohnen bis zum Kinder- und Jugendtelefon. Auch kommunale Aufgaben wie das Stadtteilmanagement oder die Bürgerplattformen für Stadtbezirke betreut die Organisation.

Herr Tautz, wie ist bei Ihnen die Verteilung der Geschlechter je nach Bereich? Gibt es Bereiche mit typisch männlicher bzw. weiblicher Rollenverteilung?

Ich würde unseren Unternehmenscharakter als insgesamt weiblich beschreiben, das gilt insbesondere in der Pflege und den Kitas. In den letzten Jahren vollzieht sich jedoch ein Wandel und in fast jeder unserer 15 Kitas arbeitet mittlerweile mindestens ein männlicher Erzieher. In unseren Beratungsstellen und der Sozialen Arbeit allgemein ist die Verteilung recht ausgeglichen, genauso wie in der Führungsebene.

Sie sind Mitglied bei „Erfolgsfaktor Familie“ und engagieren sich in einem lokalen Netzwerk zum Thema. Was leisten Sie als Arbeitgeber konkret, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern?

Wir haben das Thema schon seit einiger Zeit auf dem Schirm. Innerhalb der Belegschaft haben wir in den vergangenen Jahren ein Konzept und Maßnahmenpläne entwickelt. Das ist nicht in allen Einrichtungen gleich einfach, denn in Pflegeheimen zum Beispiel sind wir an den Tagesablauf der Patient:innen gebunden. Älteren Arbeitnehmern werden hier zum Beispiel weniger Nachtschichten zugemutet. In der ambulanten Pflege organisieren wir sog. „Mutti-Touren“, die etwas später beginnen, sodass Mamas und Papas morgens ihre Kinder noch in die Kita bringen können. Außerdem haben wir eine eigene Gesundheitsmanagerin, die sich um das Wohlergehen unserer Kolleg:innen hauptberuflich kümmert. Bei allen Maßnahmen müssen wir aber immer die Waage halten, denn wenn wir den einen Arbeitnehmer:innen weniger abverlangen, verteilt sich die Last auf die Schultern beispielsweise der jungen Singles. Es ist deshalb wichtig, das Team vorab einzubinden und mitzunehmen.

Sie haben sich am Projekt KaFaSax beteiligt. Was war der Grund für Ihre Teilnahme? Wie sah die Teilnahme konkret aus?

Wir wurden zunächst von Frau Prof. Bullinger-Hoffmann angesprochen, die wir aus unserem lokalen Bündnis für Familie bereits kannten. Zu dem Zeitpunkt war das Projekt noch eine bloße Idee. Im Laufe der Untersuchungen haben wir gemerkt, wo wir noch Reserven haben, und das ist allen voran die interne Kommunikation. Das Thema der Vereinbarkeit ist durch KaFaSax insgesamt mehr in den Vordergrund gerückt. Außerdem konnten wir vom Austausch mit anderen Unternehmen, auch aus der Industrie, sehr profitieren.

Haben Sie selbst aufgrund der Projektteilnahme Konsequenzen in Ihrem Unternehmen gezogen, bspw. neue Maßnahmen auf den Weg gebracht?

Zwei Maßnahmen resultierten aus dem Austausch mit anderen Unternehmen, konnten sich in unserer Belegschaft jedoch nicht durchsetzen. Wir haben bspw. „Jokerdienste“ anbieten wollen, um nicht immer alle Mitarbeiter:innen auf Rufbereitschaft zu haben. Die Umbenennung in „Hintergrunddienste“ hat dazu auch nichts beigetragen. Auch die betriebsinterne Kommunikation über die App „Staffbase“, selbst eine Chemnitzer Innovation, wurde nicht so angenommen wie erhofft.

Nehmen Sie einen Unterschied zwischen den Generationen wahr? Ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein Zukunftsthema?

Ich merke, dass es sich nachhaltig auszahlt, nicht nur den Anteil Arbeitszeit im Leben eines Kollegen zu sehen. Junge Mitarbeiter:innen nehmen Teilzeit geschlechterunabhängig als attraktiver wahr als Vollzeit. So bleibt mehr Zeit für individuelle Bedürfnisse. Möglich wurde das durch das Anheben der Bezahlung in den letzten Jahren. Die Bedeutung flexibler und individueller Modelle wird sich aber in den nächsten Jahren noch erhöhen, auch im Osten. So bedeutet Vollzeit bei uns heute oft noch eine 40-Stunden-Woche, währenddessen in den alten Bundesländern 35 Stunden Arbeitszeit als Vollzeit gelten.

Befürchten Sie, dass die Covid19-Pandemie einen negativen Einfluss auf das Thema Vereinbarkeit hat?

Positiv ist erstmal zu sehen, dass die Pandemie insbesondere im Jahr 2020 die Pflegeberufe und die Anerkennung ihrer Arbeit in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gerückt hat. Probleme, die es vor Corona bereits gab, werden aktuell verstärkt. Ich sehe eine große Schere zwischen den Milieus, sozial schwache Haushalte sind besonders betroffen. Das Homeschooling stellt vor große Herausforderungen und überfordert viele Eltern total. Auch häusliche Gewalt ist ein größeres Problem geworden.

Unsere letzte Frage: Die Pflege von Angehörigen ist in unserer arbeitsteiligen Welt der eigenen Erwerbsarbeit oft im Wege. Welche Auswege sehen Sie hier?

Das Problem ist bereits heute da, wird aber noch völlig unterschätzt. Seit Corona steht unsere stationäre Pflege quasi leer. Die Angehörigen möchten kein Risiko eingehen und versuchen, so gut es geht, ihre Eltern oder Großeltern selbst zu pflegen. Menschen im Homeoffice werden dadurch zusätzlich belastet, was übrigens auch für das Phänomen der Kinderbetreuung gilt. Wenn Kitas und Schulen schließen müssen, bleibt mehr an den Eltern hängen, doch am meisten leiden darunter die Kinder. Wir beobachten bereits heute großen Nachholbedarf in den sozialen und kognitiven Bereichen und haben große Sorgen, ob sich das nicht auch langfristig auswirkt.

Foto mit freundlicher Genehmigung des Arbeiterwohlfahrt Kreisverbands Chemnitz und Umgebung e.V.

Wollen Sie Teil des Innovationsteams sein?

Dann besuchen Sie unsere externe Plattform

Einfach hier klicken

Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit anderen

top-arrow